Aufruf

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Kreuzberger CSD 27.06.2015 16:00 O-Platz

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Keine pinke Camouflage – Queer bleibt RADIKAL

unanständig                                                   Krieg

unintegriert            gegen              Rassismus

unbequem                                          Ausbeutung

Queer ist cool, queer ist hip, queer ist überall »willkommen«!!!?

Die PR-Abteilungen von staatlichen Institutionen haben neuerdings Homo-Themen als ergiebige Quelle für ihre Imagepflege eingeführt. Multinationale Firmen, die Profite durch Ausbeutung von Frauen im globalen Süden erzielen oder mit Regimen eng kooperieren, die LGBT*IQs und andere Minderheiten verfolgen, verpassen sich hierzulande mit Diversity Management und Spenden an schwule Organisationen ein menschenfreundliches Profil. Staaten, die weltweit Kriege führen und im Inland eine rassistische Politik betreiben, benutzen ihre neue und zweifelhafte Homofreundlichkeit heute als Aushängeschild. Selbst rechte Parteien und konservative Bewegungen greifen zur schwulen Karte und erklären die angeblich von Muslim_innen bedrohten weißen Homos zu den neuen Schutzbedürftigen der westlichen Gesellschaften.

Damit wird nicht nur die »bunte LGBT-Truppe« für die Tarnung einer mörderischen Politik benutzt, sondern die Grenzen der Zugehörigkeit zur Nation werden neu gezogen: Auf der einer Seite steht das weiße und schwul-christliche Abendland, auf der anderen der böse homophobe Osten, »Entwicklungsländer« auf dem afrikanischen Kontinent und vor allem die muslimischen Welt und alle anderen, die zu Vormodernen und Unzivilisierten gestempelt werden.

Diese neue Grenzen verlaufen auch innerhalb LGBT*IQ-Communities: People of Color, Schwarze und Muslim_innen werden einerseits als homophobe Bedrohung verstanden, andererseits, wenn sie sich als schwul oder lesbisch identifizieren, werden sie zu Opfern stilisiert, die durch die überlegene Mehrheitsgesellschaft gerettet werden müssen. Von oben umarmt, kuschelnd mit Staat und Großkonzernen, treten selbsternannte Homo-Sprecher_innen mit viel Presseaufmerksamkeit allmählich nach unten und machen die Dämonisierung von Migrant_innen und der weißen Unterklasse mit.

Diese Aufteilung macht sich auch in Berlin bemerkbar und unsere Nachbarschaften werden zu Kriegsschauplätze jener Rhetorik: Neukölln und Marzahn – ärmere Bezirke werden zu Gefahrgebieten deklariert und Vertreter schwuler Organisationen und populistische Politiker_innen rufen nach mehr »Recht und Ordnung« in gentrifizierten Stadtteilen. Dass auch immer größere Teile queere Communities sich die Mieten in der Innenstadt nicht mehr leisten können, dass arme, alte, kranke Queers, Trans* und Inter von Erwerbsarbeit, Gesundheitsversorgung und der elementarsten Teilhabe ausgeschlossen sind, schreckt die Meinungsführer_innen von Ehegatten-Splitting, schwulen Managern und lesbischen Soldatinnen nicht ab Rassistische Polizeigewalt ist willkommen, wenn’s um den Schutz der »eigenen« (Homo-) Räume geht. In der Partyszene übernehmen das aber auch gern Türsteher von Gay-Bars und Clubs – und sortieren gerne auch mal nach Aussehen und Hautfarbe aus.

Berlin, die Hauptstadt der Queeren

Die queeren Szenen der Stadt waren schon immer sehr vielfältig. Mainstreamschwul, oldschool lesbisch, hipster queer, polit trans*, radikalfemm, fetisch butch… Alles hat seinen Platz und entfaltet sich in einer rasanten Geschwindigkeit – nicht nur Identitäten und Positionen, sondern auch politische Richtungen. So hat sich in Berlin, innerhalb der Szene, ein starker rechtspopulistischer Flügel entwickelt, der in vielen Themen laut mitmischt. Hierfür gab und gibt es immer noch mediale Aufmerksamkeit und jede Menge (auch finanzielle) Unterstützung aus der Berliner Politik. Öffentliche Küssaktionen für »Liebe, Vielfalt und Toleranz«, Demos gegen Homphobie vor Moscheen, Stadtfeste für Homo-Traditionen… Initiator_innen dieser und weiterer Aktionen verstehen sich gern als »Szenegröße» in der Verantwortung, Medien für skandalöse Berichte zu befüttern oder Sicherheitsorganen, dem Abgeordnetenhaus, dem Abschiebesenator und von knallgrün bis braunschwarz allen Parteien mit ihrer »Expertise« beiseite zu stehen. Eine eindimensionale Identitätspolitik wird dabei hochgehängt und das Konzept der »Mehrfachzugehörigkeit« komplett ausgeblendet. Das Ergebnis: die tagtägliche Reproduktion von Rassismus, Sexismus und Transphobie.

Refugees Welcome?!

Auch ein falschverstandener Post-Kolonialismus hat seinen festen Platz in der Homo-Hauptstadt. Aus der privilegierten westlichen Position werden Länder und Kontinente bewertet: ob sie »gay-friendly« sind oder nicht. Während in Berlin die Refugee-Bewegung seit über zwei Jahren mit allen Mitteln um das »Überleben« kämpft, brüsten sich Parteien und schwullesbische Organisationen mit dem Spruch »Refugees Welcome«, so auch der kommerzielle CSD. Die Scheinheiligkeit dieses Spruches zeigt sich in der nicht-Kommentierung der gewaltvollen Räumung des Oranienplatzes und der Gerhart-Hauptmann-Schule, der Anschläge auf den verbliebenen Infopunkt und der Abschiebung vieler Refugees. Lobbyverbände nehmen gerne »Sexuelle Identität als Asylgrund« als glanzvollen Agenda-Punkt auf, aber die Schikanen gegenüber queeren Refugees bei der Ausländerbehörde und in Lagern ist kein Thema, mit dem sie verbündete Regierungsvertreter_innen konfrontieren.

Queer bleibt RADIKAL – Kreuzberg bleibt QUEER und RADIKAL

Seit fast 20 Jahren findet in Kreuzberg ein CSD statt. Nicht ohne Grund. Das umkämpfte und gelebte Miteinander hat eine lange Geschichte. Damals als »Dreck« vom ‚respektablen‘ CSD auf dem Ku’damm aussortiert, haben sich solidarische Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, Bedürfnissen, Hintergründen und Realitäten zusammengefunden. Kreuzberg ist seitdem die Heimat des anderen, »kleinen« CSD. Gemeinsam gehen wir auf die Straße – für ein selbstbestimmtes Leben und für die Emanzipation von einem System, das Menschen ausgrenzt, abschiebt, stigmatisiert, pathologisiert und diskriminiert! Wir lassen uns nicht instrumentalisieren und gegeneinander ausspielen!

Auch in unseren Communities gibt es Transphobie, Rassismus und Klassismus, ganz egal ob wir uns als links, radikal oder alternativ verorten. Wir sollten nicht wegschauen wenn in unseren Räumen diskriminiert wird. Die Verantwortung dafür liegt bei uns allen.

Was erkämpft, erstritten und erreicht wurde, feiern wir an diesem Tag! Was es noch zu tun und zu erkämpfen gibt, enttarnen wir und tragen es kraftvoll auf die Straße!

Macht mit: rollt, lauft und tanzt –heraus zum Kreuzberger CSD!

Kommt zahlreich, seid laut

und lasst Parteifahnen und Nationalfahnen zu Hause!

Wir lassen uns nicht instrumentalisieren

und gegeneinander ausspielen!

Keine Camouflage, schon gar nicht in pink –

Queer bleibt RADIKAL

Die KCSD-Orgagruppe, bestehend aus:

Gladt e.V., Türkiyemspor Frauen- und Mädchenabteilung, Rattenbar, Südblock, SO36, SoliTsoli, 15M Berlin, Colectivo 43, LesMigras und zahlreichen Einzelpersonen unterschiedlicher Vorder- und Hintergründe

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Eine Antwort zu Aufruf

  1. Pingback: CSD + unkommerzieller Kreuzberger CSD der LGBTIQ+ Szenen | ich eben

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